Gussstahlwerk Judenburg 1972

 

Im Jahr 1972 stand abermals die Steiermark im Zentrum des Arbeitskampfes. Bereits Ende September hatten über tausend Beschäftigte von Simmering-Graz-Pauker in Graz einen Tag lang gestreikt; der Grund war die Brüskierung eines Betriebsrates durch die Werksleitung. Ende des Jahres kam es dann im Styria-Gussstahlwerk in Judenburg zu größeren Kampfmaßnahmen.

Die Belegschaft dieses Werkes hatte davor und danach immer ihre kämpferische Haltung unter Beweis gestellt. Anfang der 1980er Jahre sollte das Werk in vorderster Front im Kampf gegen die Zerschlagung der Verstaatlichten stehen. 1979 hatten über 300 Beschäftigte spontan für einen Tag die Arbeit niedergelegt, weil der VOEST-Generaldirektor laut über eine Schließung nachgedacht hatte. Und im Juli 1970 hatten die Arbeiter der Abteilung „Erhaltung" unter Umgehung ihres Betriebsrates, von dem sie sich ignoriert fühlten, in einer Werkstättenversammlung beschlossen, selbstständige Verhandlungen mit der Werksleitung bezüglich einer Anpassung ihrer Löhne an vergleichbare Berufsgruppen ihres Werkes aufzunehmen. Betriebsrat und Gewerkschaft stellten sich dagegen, der Streik wurde als „wilde Aktion" abgelehnt. Obwohl er gut organisiert war und auch von Arbeitern anderer Abteilungen unterstützt wurde, musste er nach drei Tagen ergebnislos abgebrochen werden.49

In den Monaten November und Dezember 1972 gab es dann im Judenburger Werk zwei Arbeitskämpfe mit einem Arbeitsausfall von mindestens 30.000 Arbeitsstunden, die in der offiziellen ÖGB-Streikstatistik nicht berücksichtigt wurden. In beiden Fällen handelte es sich um Abteilungsstreiks um die Angleichung von Löhnen.

Seit mehr als einem Jahr hatten die Arbeiter/innen des Presswerkes ein Nachziehen der Akkordlöhne verlangt. Da in den Verhandlungen zwischen Betriebsrat und Direktion nichts weiterging, legten die Arbeiter/innen der Abteilung am 7. November die Arbeit nieder – überraschend für Direktion und Betriebsrat. Die Arbeitsniederlegung fiel mitten in die Vorbereitungszeit für die Betriebsratswahlen, und so berief der Betriebsratsobmann, anders als im Juli 1970, sofort eine außerordentliche Betriebsratssitzung ein, die die volle Unterstützung des Kampfes beschloss. Die Gewerkschaft war anfänglich gegen den Streik, erklärte sich aber unter Druck einer Betriebsversammlung bereit, sich in die Verhandlungen einzuschalten. Und so wurde am 10. November ein Ergebnis erreicht, das von den Arbeiter/inne/n in einer neuerlichen Versammlung einstimmig akzeptiert wurde; die Streikstunden wurden vom Unternehmen bezahlt.

Durch diesen Erfolg motiviert, meldeten am 16. November auch die Arbeiter/innen des Kaltwalzwerkes Lohnforderungen an. Da ihnen nicht entsprochen wurde, traten die Arbeiter/innen zuerst in einen 48-stündigen Warnstreik und dann am 21. November in einen unbefristeten Streik. Etwa 200 Arbeiter/innen der Abteilung waren daran beteiligt, zeitweilig unterstützt von ebenso vielen Arbeiter/inne/n des Heißwalzwerkes. Auch in diesem Fall, wenige Tage vor der Betriebsratswahl am 6. Dezember, entschied sich der Betriebsrat für eine vorbehaltslose Unterstützung des Streikziels.

Allerdings lehnte die Gewerkschaft, gebunden durch ein sozialpartnerschaftliches Stillhalteabkommen bezüglich Lohnforderungen, den Streik kategorisch ab. Vertreter der Landesleitung weigerten sich, nach Judenburg zu kommen, und so bekam der Bezirkssekretär bei einer Betriebsversammlung den Unmut ab. Der Betriebsrat ließ beim Werkstor ein Plakat mit der Aufschrift „Wir hoffen auf die Gewerkschaft" anbringen. Und die Arbeiter/innen versuchten weiter, die Gewerkschaft zu einer Änderung ihrer Haltung zu bewegen. Zusammen mit dem Betriebsrat fuhr am 30. November einer 50-köpfige Delegation zur Landesleitung nach Graz, die sie allerdings abblitzen ließ. Beim Verlassen des Gewerkschaftshauses wurden die Arbeiter/innen bereits von der Kriminalpolizei erwartet. Die von den Streikenden mitgeführten Tafeln mit ihren Forderungen wurden beschlagnahmt, der Autobus zum Stadtrand eskortiert. Die Vermutung lag nahe, dass die Gewerkschaftsbürokrat/inn/en selbst die Polizei eingeschaltet hatten.

Reagierend auf eine Forderung der Gewerkschaft, sie werde erst nach Wiederaufnahme der Arbeit verhandeln, unterbrachen die Arbeiter/innen den Streik für eine Woche. Die Gewerkschaft schaltete sich dennoch nicht ein. Die Werksleitung hatte zuerst versucht, die Fertigung nach Donawitz und Kapfenberg zu verlegen. Die dortigen Belegschaften verweigerten aber den Streikbruch. Und so sagte auch die Werksleitung für den Fall der Wiederaufnahme der Arbeit Verhandlungen zu. Doch auch dieses Versprechen wurde gebrochen. Nach dreiwöchigem Arbeitskampf brachen die Streikenden, die kein Vorwärtskommen mehr sahen, die Aktion ab. Das Vertrauen in die Gewerkschaft hatte sich als trügerisch herausgestellt.50

49 Karlhofer 1983, S. 152 und S. 55-56

50 Karlhofer 1983, S. 56-58

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