Wien: Die Kehrseite der Medaille

 

1.7.2023

 

Zum vierten Mal in fünf Jahren wurde Mitte Juni die österreichische Hauptstadt von der britischen Wochenzeitschrift The Economist als lebenswerteste Stadt der Welt eingestuft. Medien und Politiker griffen diese „Information“ auf, um sich selbst zu beglückwünschen. Die Autoren der Untersuchung hätten zahlreiche Aspekte berücksichtigt, wie Dienstleistungen und Infrastruktur sowie das Bildungs- und Gesundheitsangebot - Kriterien, für die Wien die Höchstnote erhielt. In ähnlicher Weise erscheint Österreich seit Jahren in den „Top 10“ der Länder, in denen die Menschen am glücklichsten sind, wohin es sich gut auswandern lässt, usw.

Wir wissen nicht genau, welche Kriterien bei dieser Art von „Studien“ verwendet werden. Aber es gibt viele andere Statistiken und Untersuchungen, die diesem Bild völlig widersprechen … und die verschwiegen werden. Zahlreiche Berichte bezeugen, dass es nicht dem entspricht, was die arbeitende Bevölkerung tagtäglich erlebt.

Bestes medizinisches Angebot? Während im Zeitraum 2019-2021 (Covid-Krise) die Lebenserwartung im Land zum ersten Mal seit dem Krieg um 7,6 Monate gesunken ist, sechsmal so stark wie in Frankreich? Während im vergangenen Sommer selbst der Wiener Gesundheitsverbund schätzte, dass in den Wiener Spitälern mindestens 2.000 Pflegekräfte fehlen? Oder als im April dieses Jahres ein Skandal bekannt wurde, als zwei Patienten in einer Notaufnahme starben ... ohne dass es jemand bemerkte, weil das Personal so überlastet war? Auch das Schicksal der 24-Stunden-Pflegerinnen muss erwähnt werden. Acuh sie haben neulich gegen ihre ausbeuterischen Arbeitsbedingungen protestiert. Das kürzlich vom ÖGB veröffentlichte Buch Die Armen von Wien enthüllt, dass 70.000 von ihnen, die für die Unterstützung älterer Menschen unerlässlich sind, slowakischer oder ungarischer Herkunft sind und als Selbstständige arbeiten, also ohne jegliche Rechte, sich zu verteidigen, und von einer oft mafiösen Agentur in ihrem Herkunftsland miesest bezahlt werden.

Bezüglich der Arbeiter/innen, die diese „so angenehme Stadt“ am Laufen halten: 60 % derjenigen, die in   Wien leben, haben - ebenfalls laut ÖGB - kein Wahlrecht, da sie nicht die österreichische Staatsbürgerschaft besitzen, selbst wenn sie in der Hauptstadt geboren wurden und dort studiert haben; denn es gilt immer noch das Blutrecht.

Höchstes Bildungsangebot? Obwohl viele Jugendliche in den Arbeitervierteln Wiens die Schule verlassen, ohne die deutsche Sprache zu beherrschen? Oder während Österreich das Land in Europa ist, in dem die Zahl derjenigen, die nicht kein Vertrauen in die Wissenschaft haben, am höchsten ist.

Lebenswerteste Stadt ... für Frauen? Während Österreich eines der Länder in Europa ist, in dem die Rate der Frauenmorde, bezogen auf die Bevölkerung, zu den höchsten in Europa gehört? Vor allem ist es das einzige europäische Land, in dem die Zahl der Morde an Frauen höher ist als die der Morde an Männern, was viel über die vorherrschende innerfamiliäre Gewalt aussagt.

Sehr gute Infrastruktur in diesem Land, dessen Wirtschaft größtenteils auf den Export ausgerichtet ist? Das hängt davon ab, für wen. Auf österreichischen Autobahnparkplätzen gibt es zum Beispiel nur eine Dusche und einen Toilettenblock für durchschnittlich 600 LKW, manche Rastplätze haben nicht einmal Toiletten!

Solche Beispiele ließen sich in vielen Bereichen fortsetzen. Sie alle zeigen, dass trotz aller Reden, die von den Medien seit Jahren wiederholt werden, die Krise auch in Wien und Österreich angekommen ist. Auch wenn die privilegierten Schichten ein „angenehmes“ Leben genießen können und diese zum Himmel schreienden Ungerechtigkeiten nicht einmal sehen. Das beruht ganz einfach und so wie überall auf der Ausbeutung und Verachtung der Mehrheit der einfachen Bevölkerung, wobei eine enorme Dosis an Lügen und Ignoranz bezüglich der Lebensumstände der armen und arbeitenden Bevölkerung hinzukommt.

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