Grundlegendes

 

Einleitend muss gesagt werden, dass die offizielle ÖGB-Statistik in mehrerlei Hinsicht durchaus mit Vorsicht zu genießen ist. Vor allem ist der Großteil der so genannten „wilden Streiks", also von denen, die nicht gewerkschaftlich anerkannt wurden, nicht in der Statistik enthalten. Das betrifft etwa in den 1970er Jahren einen erheblichen Teil der Arbeitsniederlegungen.

Aber auch andere wurden teilweise nicht gemeldet und damit nicht in die Statistik aufgenommen, weil eine niedrige Streikrate aus Sicht der ÖGB-Bürokrat/inn/en ja als Visitenkarte für das Funktionieren der Sozialpartnerschaft gilt. Ein eklatantes Beispiel dafür ist der Streik in den Steirischen Gussstahlwerken Judenburg (später VEW), der im Jahr 1972 über ein Monat lang dauerte und mindestens 25.000 Ausfallsstunden verursachte; obwohl sogar führende Gewerkschaftssekretäre involviert waren, wurde keine Streikmeldung erstattet. Eine Überprüfung der Streikstatistik, die Anfang der 1970er Jahre in der BRD durchgeführt wurde, ergab Korrekturwerte von 50% und mehr über den offiziellen Angaben. Für Österreich ist uns eine solche Überprüfung nicht bekannt; es ist aber wohl von ähnlichen Werten auszugehen.1

Dazu kommt, dass es bei der Aufnahme oder Nichtaufnahme in die ÖGB-Statistik auch ein gewisses Maß an politischer Willkür gibt. Die jährliche Streikstatistik muss jeweils von der ÖGB-Führung abgesegnet werden, bevor sie an die Öffentlichkeit darf. So wurden die September/Oktoberstreiks 1950, eine der drei größten und die politisch wohl wichtigste Streikbewegung, nicht in die Statistik genommen – weil er von der sozialdemokratischen ÖGB-Führung als „kommunistischer Putsch" diffamiert wurde. Entgegen der eigentlichen Grundlinie, dass politische Streiks nicht in die Statistik kommen, werden die Arbeitsniederlegungen, die aus Protest gegen die geplante Einreise von Otto Habsburg 1966 stattfanden, in der Statistik geführt – weil sie von der Sozialdemokratie unterstützt wurden.2

Im Vergleich zur 1. Republik sind die Streiks seit 1945 deutlich zurückgegangen: In den Jahren 1918 bis 1933 gab es jährlich mehr als 700.000 Streiktage, in den Jahren 1945 bis 1981 weniger als 70.000 Streiktage, für die Jahre 1981 bis 2011 sogar weniger als 20.000. Auch wenn sich diese Zahlen auf die offizielle Statistik stützen, so ist die grobe Tendenz doch eindeutig. Allerdings war im letzten Jahrzehnt – mit dem Generalstreik und dem Eisenbahner/innen/streik 2003 und dem Metallerstreik 2011 – wieder ein Anstieg zu verzeichnen.3

In der 1. Republik gab es vergleichsweise lange Streiks mit wenigen Beteiligten, in der 2. Republik dominierten kurze Streiks mit relativ vielen Beteiligten und mit einer (zumindest offiziell) hohen Erfolgsquote. Dahinter steht die ÖGB-Strategie, durch kurze, aber mit der ganzen (potenziellen) Macht des hohen gewerkschaftlichen Organisationsgrades gestützte Streiks zu einem akzeptablen Ergebnis zu kommen. Dementsprechend waren von den Streiks, die der ÖGB zwischen 1951 und 1981 anerkannt hatte, auch nur 7% gänzlich erfolglos, 72% erfolgreich und 14% teilerfolgreich. Dabei ist allerdings anzumerken, dass der ÖGB Kompromisse in der Regel als Erfolg verbucht. Und seit 1990 hat sich die Erfolgsquote sicherlich abgeschwächt.

Was die regionale Verteilung der Streiks betrifft, so fanden 90% aller Streiks in vier Bundesländern statt, nämlich in Wien, Niederösterreich, Oberösterreich und der Steiermark. Auch wenn man in Rechnung stellt, dass diese vier Bundesländer etwa 70% der österreichischen Bevölkerung ausmachen, so sind sie bei den Streiks dennoch deutlich überrepräsentiert; in Vorarlberg etwa gab es trotz starker Industrie kaum Streiks. Branchenmäßig dominiert in den Arbeitskämpfen der 2. Republik eindeutig die Metallindustrie; dort gab es am ehesten eine Kontinuität von Konflikten. Immer wieder größte Arbeitsniederlegungen gab es auch bei der Eisenbahn, der Post, den Lehrer/inne/n, teilweise auch in der Chemieindustrie oder bei den Lebens- und Genussmittelarbeiter/inne/n.4

Die Nachkriegsphase war vom ökonomischen Wiederaufbau auf dem Rücken der Arbeiter/innen/klasse geprägt und davon, dass die „Sozialpartnerschaft" erst im Anlaufen war. Es gab einige heftige Konflikte, nämlich den Schuharbeiter/innen/streik 1948, die September/Oktoberstreiks 1950 sowie den Forstarbeiterstreik 1950. Aus Sicht der ÖGB-Führung waren das Start-Schwierigkeiten beim Wiederaufbau-Konsens und der sich entwickelnden Sozialpartnerschaft. Die Ergebnisse der September/Oktoberstreiks 1950 sollten schließlich für die ganze 2. Republik wesentliche Bedeutung haben.

Ab den 1950er Jahren kam es zu einer Konsolidierung des neuen Systems und die Streiks gingen deutlich zurück. Gewisse Ausreißer waren eine Rebellion bei einer Betriebsrätekonferenz 1954 sowie das Jahr 1956, in dem einige Streiks stattfanden. In den 1960er Jahren gab es einige erfolgreiche größere Arbeitsniederlegungen, vor allem den Metaller/innen/streik 1962, aber auch bei Post und Bahn 1965.

Unter den SPÖ-geführten Regierungen (1970-2000) war die Politik der Gewerkschaften offensichtlich stark davon geprägt, der „eigenen Regierung" möglichst wenige Probleme zu machen. Dementsprechend gab es in den 1970er Jahren einen weiteren Rückgang an Streiks, die vom ÖGB anerkannt waren; die Ausnahme war nicht zufällig ein zweitägiger Streik der ÖVP-geführten Lehrer/innen/gewerkschaft 1973. Gleichzeitig stieg in den 1970er Jahren die Anzahl der „wilden Streiks" deutlich an; vor allem im Bereich Metall & Bergbau.5

Die 1980er Jahre waren geprägt vom Widerstand gegen die Zerschlagung der Verstaatlichten Industrie, bei VEW ebenso wie bei VMW/AMAG, bei der VOEST ebenso wie bei GKB. Die 1990er Jahre waren ein Tiefpunkt an Streiks und anderen Klassenkampfaktivitäten von unten; die relevanteste Ausnahme war bezeichnenderweise der Beamt/inn/en- und Polizeistreik 1991. In den zwanzig Jahren von 1992 bis 2011 waren (laut ÖGB-Statistik) elf überhaupt gänzlich ohne Streiks. Dabei gab es zwei große Ausreißer: das Jahr 2003 mit gut 10,44 Millionen Streikstunden und 780.000 Streikenden und das Jahr 2011 mit über 450.000 Streikstunden und 87.000 Beteiligten.6

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1 Ferdinand Karlhofer: „Wilde" Streiks in Österreich. Entstehungs- und Verlaufsbedingungen industrieller Konflikte in den siebziger Jahren, Wien/Köln 1983, S. 29-30. Der erwähnte Streik in Judenburg fand nicht einmal in den Tageszeitungen Niederschlag, sondern Karlhofer stieß durch die zufällige Lektüre eines Lokalblattes darauf.

2 Karlhofer 1983, S. 39

3 Karlhofer 1983 und eigene Berechnung nach ÖGB: Streikstatistik 2012, auf www.oegb.at

4 Karlhofer 1983, S. 32-34 und S. 41-43

5 Karlhofer 1983, S. 38-41

6 Verschiedene Artikel der Internationalen Kommunistischen Liga (IKL), eigene Erfahrungen und ÖGB- Streikstatistik 2012

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